Beutelhelden – Die Odyssee des Daidalos

Wie Daidalos die Lust verlor

Daidalos war der begabteste Kunsthandwerker seiner Zeit. Seine Werke waren so täuschend echt, dass es kaum möglich war sie von der Natur zu unterscheiden. So malte er einmal einen Garten auf eine Wand und als die Leute vorbei kamen und diesen schönen Garten sahen wollten sie hinein gehen. Doch sie stießen sich ihre Köpfe an der Wand. Auch als Bildhauer konnte ihm niemand das Wasser reichen. Aus jedem Material formte Daidalos Skulpturen, die aussahen wie lebendige Wesen. Von allen wurde er bewundert, doch er sagte bescheiden:

„Ich sehe nur das, was die Götter in dem Stein versteckt haben. Dann nehme ich Hammer und Meißel und schlage es heraus.“

Momos, ein Sohn der Göttin Nyx, war ein etwas merkwürdiger Gott. Er hatte stets an allem etwas aus zu setzen. Nie konnte ihn etwas zufrieden stellen und immer wusste er alles besser. Daidalos war gerade in die Arbeit an einer Skulptur vertieft als Momos vorbei kam. Mit skeptischem Blick, sprach er zu Daidalos.

„Es ist wie du sagst. Du bist kein Künstler. Wenn die Dinge schon da sind, die du aus dem Stein herausarbeitest, dann kannst du sie doch auch gleich dort lassen. Was schert es dich denn wenn sie niemand bewundern kann? Nein du arbeitest hart dafür, dass deine Kunstwerke die Menschen beeindrucken und dann stauben sie doch nur ein. Zu nichts sind sie nütze. Kann man mit ihnen vielleicht den Garten umgraben oder ein Haus bauen? Kann man damit vielleicht Fische fangen oder jagen gehen? Du solltest dir lieber eine Arbeit suchen, die irgendetwas gut ist!

Daidalos legte seinen Hammer zur Seite. Wochenlang fasste er keinen Marmorblock mehr an. Er war sehr traurig. „Was kann ich nur tun? Egal was ich anfange. Die Welt braucht es nicht.“

Die Suche nach dem Palastan

Dionysos, der Gott der Trauben und der Freude kam in diesem Augenblick an seiner Werkstatt vorbei. Als er den depressiven Daidalos so traurig da sitzen sah, sagte er:

„Ich kann dir helfen. Hier nimm erst mal einen Schluck Wein. Ich weiß warum deine Arbeit dich nicht mehr glücklich macht. Aber höre mir zu Daidalos. Auf der Insel Aiaiai gibt es ein Material tief in der Erde. Es wird Palastan genannt und es hat magische Kräfte. In deinen Händen wird es sich in alles verwandeln, was die Menschen von dir wollen.“

So gingen beide auf die weit entfernte Insel Aiaiai. Sie wurde auch die Insel der Klagen genannt. Hier herrschte die Zauberin Kirke. Sie war überrascht die beiden zu sehen und als Dionysos ihr erzählte was der Grund für ihre Reise war, freute sich Kirke sehr darüber, dass endlich ein Künstler ihr Material benutzen wollte. Sie führte Daidalos zum Eingang der Höhle, gab ihm einen Stein und sagte:

„Du wirst die Hilfe der Hundertarmigen brauchen. Ich werde sie für dich rufen wenn du an der richtigen Stelle bist. Hab keine Angst vor ihnen. Wenn sie dich entdeckt haben, dann wirfst du diesen Stein so hoch du kannst. „

Daidalos stieg lange hinab, vorbei an Kristallen und Tropfsteinen. Immer wärmer wurde es im Innern der Erde und plötzlich sah er einen riesigen Schatten an der Wand. Die drei Hundertarmigen standen vor ihm. Er rief Kirke, so wie sie es ihm aufgetragen hatte und wie eine Sonne erhellte der Stein die Höhle. Erschrocken stemmten sich die Hundertarmigen mit ihrer gewaltigen Kraft gegen die Wände. Die Risse zwischen den Felsen wurden immer größer und es brach ein wunderschöner Fluss hervor. Die Höhle füllte sich schnell mit dem schwarz-glänzenden Palastan und so kam Daidalos wieder an die Oberfläche zurück. Seine Augen strahlten jetzt wieder voller Begeisterung über das tolle Material.

Der Bau des neuen Tempels

Als er auf dem Weg nach Hause war begegnete er einem Bauern dessen Pflug kaputt gegangen war. Sofort konnte er dem verzagten alten Mann einen neuen Pflug aus Palastan schaffen und der Bauer war wieder glücklich. All seinen Nachbarn zeigte der Bauer das neue glänzende Gerät und die waren so fasziniert, dass sie zur Werkstatt des Daidalos gingen und auch unbedingt so einen Pflug haben wollten. Daidalos gefiel es Pflüge zu bauen, denn mit ihnen konnten die Bauern ihre Felder bestellen. Immer mehr kamen und schon bald gab es die schönsten Pflüge, in allen Farben und Formen.

Als Momos eines Tages vorbei kam zeigte Daidalos ihm stolz seine neue Leidenschaft und der ewig unzufriedene Momos sagte:

„Ja die Bauern kannst du sicher glücklich machen. Doch das Brot was du jeden Tag isst, ist auch die Arbeit vom Müller und auch die Arbeit vom Bäcker?“ Sie haben keinen Nutzen von einem Pflug! Du solltest auch etwas für diese Menschen tun.

So begann Daidalos Säcke und Mühlsteine für den Müller zu fertigen. Der Bäcker bekam von ihm einen Ofen und ein neues paar Handschuhe. Als die anderen Bäcker und Müller das sahen wollten sie auch die neuen Dinge vom Daidalos und bald gab es die schönsten Säcke, Handschuhe, Mühlsteine und Öfen. Weil die Werkstatt zu klein war um so viele Dinge für die vielen Menschen her zu stellen baute Daidalos einfach eine Etage aus Palastan auf das Dach. Jeder, der nun vorbei kam war fasziniert von dem Anblick des Hauses.

„Daidalos, deine Werkstatt ist so wunderschön. Was machst du denn hier?„ Er antwortete: „Alles, was du dir wünschst.“

Das Palastan war magisch und jeder bewunderte seine tolle Leuchtkraft. Dieses Leuchten ging jedoch nach einiger Zeit verloren und die Menschen warfen die alten Dinge einfach weg. Dann waren sie froh darüber, dass sie bei Daidalos ein neues, noch schöneres Ding bekommen konnten. Schon bald brauchte Daidalos eine weitere Etage, denn immer mehr Menschen kamen zu ihm und wollten mehr Dinge haben. So ging es eine ganze Zeit und die Werkstatt wuchs immer weiter in den Himmel. Bald gab es alles, was sich die Menschen wünschten, aus Palastan und jeder wollte nur noch diese Dinge haben.

Der Schuster vergaß sein Handwerk denn niemand wollte seine Schuhe mehr haben. Der Tischler vergaß sein Handwerk denn niemand mochte seine Möbel. Und auch der Fischer, der Bauer, der Bäcker, ja sogar einige Könige und Helden arbeiteten jetzt in der Werkstatt des Daidalos um die vielen wunderschönen Dinge aus Palastan her zu stellen.

Die Werkstatt war schon 100 Stockwerke hoch und zu einem richtigen Tempel geworden. Überall gab es die schönsten Dinge aus Palastan hinter Glaswänden zu bestaunen und die Menschen schwebten auf Treppen durch die Welt ihrer Träume. Sogar die Türen öffneten sich von selbst. Als die Götter auf dem Olymp sahen, wie die Menschen zu dem Tempel des Daidalos pilgerten staunten sie nicht schlecht. Sie wollten diesen Daidalos kennen lernen und so beschlossen sie ihn auf den Olymp zu holen.

Auf dem Olymp

„Daidalos was hast du bloß mit den Menschen gemacht? Sie kommen in deinen Tempel als wärst du ein Gott!“ sagte der große Zeus anerkennend. „Durch deine Dinge werden die Menschen den Göttern immer ähnlicher. Sie können fliegen wie Hermes und tauchen wie Theseus. Sie werden immer schneller und sind fast überall gleichzeitig. Das Spiel, was du mit den Menschen spielst, gefällt mir sehr. Als Zeichen meiner Anerkennung lasse ich dich heute von Nektar und Ambrosia kosten.“

Nicht alle Götter waren von Daidalos so begeistert wie Zeus. Doch sie schwiegen, bis auf Momos. Der entgegnete: „Ja Daidalos du hast für jeden Wunsch der Menschen ein Ding geschaffen und sie verehren dich. Aber meinen Gott kannst du mir nicht erschaffen. Das wirst du niemals fertig bringen. Diese Aufgabe ist selbst für den großen Daidalos zu schwer.“

Die Geburt von Bisphenolos

Momos ging mit seiner Kritik Zeus ganz schön auf seine göttlichen Nerven und so stieß er den armen Momos vom Olymp. Momos fiel eine ganze Weile und in dieser Zeit verstummte seine Kritik auf der Erde und im Himmel. Die Menschen feierten ein großes Fest auf der Erde. Dieses Fest war so groß, dass sich auch einige Götter darunter befanden. Während dessen fiel Momos auf das Meer zu. Unter sich sah er jedoch etwas merkwürdiges. Aus dem Palastan, was die Menschen weg geworfen hatten, war eine schleimigen und glibbrige Insel geworden. Genau dort stürzte der arme Momos hinein. Der pechschwarze Schleim begann zu brodeln. Wellen türmten sich immer höher und es wurde eines der schrecklichsten Monster geboren. Bisphenolos hatte den Kopf eines Fisches mit einem furchtbarem Gebiss. An seiner Stirn war eine Angel und mit dieser Angel konnte es die Menschen hypnotisieren. Die Menschen fühlten sich von dem Köder so angezogen, dass sie ihm nicht widerstehen konnten. So fraß das Bisphenolos einen nach dem anderen auf.

Einige sagten: „Das ist der Fluch der Götter! Zeus hab Erbarmen!“ Doch die Götter schwiegen. Andere gaben Daidalos die Schuld an dem Ungeheuer, denn sie glaubten den Geruch des Palastan wieder zu erkennen. Sie jagten ihn aus ihrer Stadt und aus Daidalos wurde wieder ein trauriger und einsamer Mann. Er ging weit weg und gelangte eines Tages in eine bergige Stadt, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Die Menschen hier hatten noch nie etwas vom Palastan gehört und sie lebten unbeschwert in ihren einfachen Hütten. Der Anblick von Daidalos muss sie erschreckt haben, denn seine zerrissenen Kleider waren aus dem altem glibbrigem Palastan. Die Schneiderin Theano gab ihm neue Kleider und Daidalos berichtete ihr, was sich in seiner Heimat zugetragen hatte. Theano überlegte kurz und hatte dann eine Idee, wie sie das Bisphenolos gemeinsam besiegen können.

Sie begann einen großen Beutel zu nähen und Daidalos baute Flügel aus Bienenwachs und Federn. Als sie fertig waren gingen sie auf den Gipfel des Berges und flogen los. Sie brauchten eine Zeit bis sie die Heimat des Daidalos erreichten. Aus der Luft konnten sie das Bisphenolos leicht entdecken und sie stürzten sich auf das Ungeheuer. Theano und Daidalos hingen an dem Beutel, wie an einem Fallschirm. Das Ungeheuer bemerkte sie gar nicht erst und mit einem Mal steckte es im Beutel fest. Es war ein Wunder. Theano zog die Schnur am Ende immer fester zusammen und der Beutel wurde immer kleiner. Als die Menschen das sahen kamen sie ihr zu Hilfe und gemeinsam zogen sie so lange an dem großen Beutel, bis aus dem Bisphenolos ein kleiner schwarzer Haufen Glibber geworden war.

Alle freuten sich darüber so sehr, dass sie Theano und Daidalos zu ehren ein großes Fest veranstalteten. Seit dem konnte Daidalos wieder als Künstler arbeiten. Er freute sich darüber die Menschen zum Staunen zu bringen und tat wieder das, was ihm selbst am besten gefiel.

Aus dem Beutel kletterte nach einiger Zeit Momos heraus. Er war sehr ärgerlich, denn die Überreste des Palastans klebten an ihm und stank fürchterlich. Als er den zufriedenen Daidalos sah sagte er zu ihm:

„Was machst du denn hier? Sie dich an! Da sitzt du nun und hast nichts gewonnen. Das Palastan ist verschwunden und niemand weiß mehr wo es sich befindet.“

„Momos, entgegnete Daidalos, nie kannst du aufhören. Die denen ich ihre Wünsche erfüllte, wollten auch immer mehr und jetzt stehst du vor mir in all diesem Dreck. Weißt du Momos ich mache das was mich glücklich macht und wenn sich die Menschen daran erfreuen, freue ich mich mit ihnen.“