Bleib wie dein Beutel

Viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, stimmten überein darin, dass man diesen Beutel zum Einkaufen einfach zu oft vergisst und deswegen unnötiger Weise eine Plastiktüte verschwendet. Darum entwickelte ich gemeinsam mit dem Ingenierbüro für Natur und Bildung die Aktion: “Denk an deinen Beutel”.

 

Die Idee

“Denk an deinen Beutel” steht auf einem Schild am Verkaufsstand von rund 20 Bäckern und Gemüsehändlern auf Märkten und in Geschäften. Es erinnert die Kundschaft an ihre daheim gebliebene Beutelsammlung. Ein paar aufgeschlossene Verkäufer hatten auch schon Überlegungen angestellt, wie sie den wahnsinnigen Tütenkonsum auf den Wochenmärkten reduzieren können. Für die Teilnehmenden Unternehmer ist der Deal wie folgt: Für jede gesparte Plastiktüte spenden sie 1Cent an die Kita Pünktchen.

(Bilder: Lothar Lange)

Bisphenolos verwüstet die Stadt

Um mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen drehten wir dann auf der Prager Straße völlig durch. Plastikzombies zogen mit einigem Müll an den irritierten Passanten vorbei und ein Filmteam berichtete über den Angriff. Etwas ruhiger verlief die Beutel-Ausstellung in der Jugendkunstschule. Hier stellten wir auch einige exotische Beutel aus und die Geschichte von Bisphenolos wurde weiter erzählt. Auf der Facebookseite sammelten sich zunehmend Menschen, die gern an ihren Beutel denken. Schließlich hat der ja auch einen Stylefaktor. Vor zwei Jahren endete die Aktion. Dennoch hängen die Schilder heute noch vereinzelt an Ständen und die Facebookseite freut sich jede Woche über ein paar Likes.

Ein bisschen Müll muss sein

Das Bewusstsein für unseren verschwenderischen Lebensstiel wächst in der Gesellschaft, doch es ist eben auch leider geil einfach so viel Zeug nutzen zu können, so viele Möglichkeiten zu haben ohne danach zu fragen wer das wieder abwaschen soll. Ich denke, solange wir unsere Ressourcen sinnvoll für unser eigenes Vorankommen nutzen, kann auch die Verschwendung gerechtfertigt sein. Auf der einen Seite der Waage liegt unser Müll. Auf der anderen Seite liegt das was wir erschaffen, was wir von uns selbst geben.

10 Jahre liegen hinter mir. 10 Jahre in der Komfortzone der Städte. Volle Veranstaltungskalender jagten mich über die kurzen Wege lebendiger Straßen. 10 Jahre war ich dort auf der Suche nach Anerkennung und verirrt im Dschungel aus idealistischer Weltrettung, §19 UstG und Nebenjobs. 10 Jahre wechselte ich fortwährend Perspektiven zwischen den Häuserschluchten, getrieben durch das Gefühl, dass sich mein Leben augenblicklich auflöst in eine unlesbare Dunstwolke, wie bei einem Festplattencrash. 10 Jahre vibrierten unendlicher Möglichkeiten. Dann wurde das Haus, in dem ich wohnte vor einem Jahr verkauft und mit ihm mein Rückzugsort.

Das Leben wurde teurer. Sollte ich nun mit der Abfindung von 5000€ in die nächste Wohnung ziehen? Ich müsste bloß die allerorts steigenden Mieten in kauf nehmen und einfach wieder eine Arbeit machen, die mir nichts bedeutet. So würde ich schon das Geld verdienen um zu überleben. Doch sicher war, dass mich diese gefühlte Unterdrückung weiter in ihrem Bann halten würde. Ich würde mich weiter über das System beschweren, dagegen Petitionen unterschreiben, auf der Straße protestieren und das mit meiner gesamten Kreativität in der wenigen Freizeit, die ich neben dem Nebenjob noch zur Verfügung hätte. Oder …tja oder ich frage mich: “Wie will ich wirklich leben?”,”Was brauche ich überhaupt zum guten Leben und auf was kann ich getrost verzichten?”

Diese Frage stellte auf einmal eine Möglichkeit dar meine Freiheit neu zu erfinden. Ich nahm also das Geld, um meinem Traum näher zu kommen und wusste noch nicht, dass ich die Reise zurück zum Ursprung angetreten hatte. Als Maler vertraue ich auf meine Phantasie. So begann ich mit meiner Frau zusammen ein Bild von einem Heim zu entwerfen, welches wir selbst auch bauen könnten.

Es musste also überschaubar sein und auf jeden Fall transportabel, denn wir kannten keinen Ort so gut, dass wir uns jetzt schon an ihn binden wollten. Wir sprachen mit vielen Menschen, die eine Alternative zum Leben aus der Dose wollen und besuchten die Welten, die sie gestalten. Wir sprachen mit Handwerkern und entwickelten das Bild unseres Hauses immer weiter. Im Sommer fanden wir schließlich einen Bauplatz. Hier konnten wir eine Werkstatt nutzen. Wir hatten Strom und eine Übernachtungsmöglichkeit in kuscheliger Nähe zu unserem Projekt. Der Besitzer dieses Hofes neben dem Apfelbaumgarten, möchte keine Miete von uns haben. Was uns verbindet ist das Vertrauen, dass jeder das gibt, was er kann und so hatten wir Zeit um uns auf das Bauen zu konzentrieren.

Kaum jemand hatte uns zugetraut, dass wir in 5 Monaten einen fertigen Wohnwagen bauen können und als wir dann, kurz vor dem Winter den Ofen einsetzten, überraschte es auch mich. Diesen Raum habe ich selbst gebaut. “Der Ursprung menschlicher Zivilisation beginnt in diesem selbst geschaffenen Raum.”, denke ich während ich vor dem Feuer sitze und den Flammen zu sehe wie sie das Holz verzehren. Hier bin ich wieder im Kontakt mit meiner Umwelt. Hier draußen, höre ich wieder meinen eigenen Beat.

BumBum BumBum

Niemand wird die Gier der Gentrifizierung aufhalten, doch ich habe die Wahl aus zusteigen oder weiter mit zuspielen. Der Raubbau an der Natur und an den Menschen ist schlimm und ich weiß, dass ich Verantwortung dafür trage, schon allein weil ich diesen Laptop benutze, doch ich schreibe damit diesen Text. Die Trinkwasserklospülung ist, genau so wie andere große Dummheiten der zivilisierten Welt (“Die heilige Scheiße”), notwendig, doch hier draußen, sitze ich auf meinem Trennklo mit dem Blick auf das freie Feld und kann mich endlich richtig entspannen, bei dem Gedanken daran, wie aus meiner Kacke anstatt Sondermüll, wieder wertvolle Erde wird. Der Wind rauscht, Vögel zwitschern, übermächtige Windräder drehen sich mit geisterhafter Kontinuität.

Die Welt rückt näher an mich heran und auch die Menschen sind sich auf eine gewisse Weise näher. Hier in Wachau haben wir sicher besonderes Glück, denn es gibt Menschen, denen es am Herzen liegt das Dorfleben wieder zu erwecken. Während alle Geschäfte über die Jahre zugemacht haben, werden handgemolkene Schafmilch, die Eier aus dem Stall des Nachbarn, Tees und Salben für den Eigenbedarf der Dorfgemeinschaft hergestellt.

Ich wurde gefragt: “Was brauchst du außer Geld?” Zuerst dachte ich daran, dass ich mich nicht jetzt entscheiden will. Geld ist doch so bequem weil ich mir davon einfach alles kaufen kann. Doch dann erinnerte ich mich daran, dass unser Holzvorrat sich dem Ende neigt und der Winter noch lang ist. Ein paar Tage später riefen mich Freunde aus dem Nachbardorf an. Sie wollen ein Reeddach bauen. Ob ich nicht Lust habe im Schnee mit ihnen Schilf zu ernten. Ich fand die Idee schön draußen zu sein und so einfach bei einem Hausbau helfen zu können. Als ich meine Füße kaum noch spürte sprachen wir dann über Holz: “Bei uns liegt so viel Holz, wir wissen gar nicht wohin damit!” Am Abend brachten diese lieben Menschen uns eine Hängerladung vorbei, welche ich gleich, unter archaischem Gebrüll, mit der Axt zu Kleinholz spaltete. Am Ende dieses Tages gab es diesen Moment der Zufriedenheit, der mehr wiegt als jeder Geldhandel.

“Woraus besteht Komplizenschaft?”

 

…fragt das Unbekannte mich auf den Kopf zu.
Mein Körper beginnt zu zittern. Das Kribbeln wird zum Puls. Erst leicht, dann beben meine Gliedmaßen unkontrolliert bis die Zellen meines Körpers schließlich in den leeren Raum fallen. 

 

Ein Sack sammelt mich ein. In der Finsternis vermischen sich meine Einzelteile. Doch etwas ist komisch! Ich bin nicht allein! Zwischen mir befinden sich Fremde. Ja, andere Körperteile und Zellstrukturen, Konglomerate verbinden sich zu organisierten Formen. “Was ist hier los?” sind die ersten Worte einer mundähnlichen Öffnung, die sich eben in diesem Moment gefunden hat. 

 

Auch Ohren haben sich erfüllt. Ich höre es jetzt deutlich. Dieser Sack ist ein Müllsack und das Dröhnen des Müllautos kommt immer näher. Ich… also wir müssen hier raus! Die Koordination der Menge sich selbst unbekannter Körperteile ist noch reichlich experimentell. Nur durch starke Zuckungen sind wir in der Lage, Ideen in Bewegung um zu setzen. Doch gerade so lernen wir uns kennen und die Bewegungen werden fließender. 

 

Als wir in der Lage sind, den Sack aufzureißen, sitzen wir bereits im Müllauto. Es stinkt und wir beschließen uns, der Einfachheit halber, wieder als ICH zu bezeichnen.

 


 

Mehr Infos zum Projekt gint es hier: http://accomplicesblog.de/

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gemeinsam Stadt gestalten

Der helle Ratssaal des Rathauses war an diesem Samstag gefüllt mit 150 interessierten Menschen aus der Zukunftszene Dresdens. Gemeinsam lauschten wir den Ergebnissen der ersten Phase des Zukunftsstadtwettbewerbes. 600 Menschen hatten über 20 Visionsblätter erstellt. Diese wurden vom Zukunftsstadtteam in einer Annäherung zusammengeführt und schließlich in eine 5-Ebenen-Grafik gegossen.

Ich freue mich über diesen breit angelegten Bürgerbeteiligungsprozess, denn er schafft etwas Essentielles, was in unserer Zeit durch den Konsum immer weiter verdrängt wird. “Identifikation” Menschen in Entscheidungen mit ein zu beziehen ist der erste Schritt zur Bürgerstadt. Auf diesem Gebiet Mangel es an Erfahrung und so werden neue Formate und Methoden gerade erst erprobt. Die entstandene Grafik stellt eine gewachsene Struktur dar. Hier können sich die Bürger, Unternehmen und Institutionen mit ihrem Beitrag, ihrem Puzzelstück zur Stadtvision verorten.

In der Zukunftsbahn hatte ich mit Menschen über ihre Vision gesprochen. Tatsächlich tragen wir alle unsere eigene Vision in uns und gestalten schon dadurch gemeinsam zu jeder Zeit unseren Lebensraum, mal aktiver und mal passiver mit. Durch die Visualisierung der Visionen werden sie oft erst bewusst. So entsteht das Ausgangsmaterial für die 2. Phase, in der konkrete und umsetzbare Konzepte erarbeitet werden sollen.

Während der heutigen Veranstaltung arbeitete ich sechs Stunden lang an meiner Zukunftsvision. Für mich war es wichtig die Vision in Beziehung zu meiner Wahrnehmung auf den Augenblick zu setzen. So entstand das Bild: “Wandel der Speed-Trash-Massacre Maschine.”

Lohnt sich Existenz?

Der rote Umhang auf dem goldenen Reiter
Der rote Umhang auf dem goldenen Reiter
Die Hauptstraße entlang, zwischen Feierabendeinkäufern und Spaziergängern, bewegten sich in der Dunkelheit leuchtende Zelte auf den Goldenen Reiter zu. Schatten in den Zelten erinnerten an die Arbeit der Näherinnen. Dem goldenen Abbild des Kurfürsten August wurde dann ein roter Umhang angelegt. Damit wurde er symbolisch zum Vorreiter für Existenzlöhne gekührt. Der rote Umhang zierte das Reiterstandbild nur kurz und musste unter Polizeiaufsicht wieder entfernt werden. Vorrübergehende Passanten protestierten spontan:

“Dran lassen! Dran lassen!”

... na dann eben wieder abmachen...
… na dann eben wieder abmachen…

Wer August kennt, der weiß, dass er seine sächsischen Burschen als Söldner verkaufte um seine Kassen zu füllen. Ein wirklicher Held war er nicht. Der goldene Reiter verkörpert wohl eher unsere moderne Wachstumsgesellschaft, die hinter edeler Fassade laut schreit:

“Wir sind gekommen um die Welt zu retten – die arme.”

So hatte die Aktion auch einen ironischen Beigeschmack. In jedem Fall war es ein Spektakel, was die vorbei kommenden Passanten faszinierte und der ernste Hintergrund fand sich auf Handzetteln.

„Meist wissen Verbraucher nichts über die menschenunwürdigen Zustände oder nur sehr wenig.“, erklärt einer der Akteure. „Doch wenn sie Informationen haben, sind die meisten Menschen daran interessiert, ihren Teil zur Verbesserung der Produktionsbedingungen in der Textilindustrie beizutragen. Die Verbraucher wollen nämlich keine Schuld daran haben, dass ganze Familien in Armut leben müssen, damit wir Unmengen billiger Klamotten im Schrank haben können.“

In ihrer Heimat arbeiten viele Frauen weit unter Existenzniveau und müssen dennoch ganze Familien ernähren. Im Zuge der Flüchtlingsbewegung kommen auch aus Ländern wie Mazedonien, Rumänien, Moldawien und Bulgarien viele Menschen nach Deutschland. Ihnen droht hier jedoch eine zügige Abschiebung, weil ihre Heimat als sichere Herkunft eingestuft wurde. Das ENS fragt: „Sollen Flüchtlinge vom Balkan wirklich abgeschoben werden, nur um daheim erneut für die europäische Modeindustrie ausgebeutet zu werden?“

Der goldene Reiter als Lady in Red
Der goldene Reiter als Lady in Red

Passanten, die die Aktion am Goldenen Reiter neugierig verfolgten, stellten die Frage, die auf der Zunge brennt: Was tun? Mittlerweile gibt es mehr als nur ein paar Alternativen zu Billigtextilien. Natürlich haben Qualität und faire Produktionsbedingungen ihren Preis. Dennoch muss es nicht mehr kosten fair gekleidet zu sein. Es zahlt sich aus beim Einkaufen öfter zu fragen: Brauche ich dieses Teil wirklich?

www.saubere-kleidung.de

 

 

Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen
Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen

Die Performancegruppe Seite 30 sitzt mit Schreibmachschinen auf dem Schlossplatz und schreibt die Geschichten der Passanten auf. Ich habe Antje Dudek gefragt was sie hier erlebt und ihr meine Geschichte erzählt.

Das internationale Städtenetzwerk ICLEI bringt Menschen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Vereinen zusammen, die ihre Stadt nachhaltiger gestalten wollen. Auf der Konferenz 2015 in Rotterdam war die Strahlkraft dieser Menschen und ihre Leidenschaft zu spüren. Ich habe die Dresdnerin Julia Leuterer auf ihrer Reise dort hin begleitet.

Das Umundufestival zieht jedes Jahr über 4000 Menschen an. Eine Woche haben sie in Dresden die Gelegenheit sich über Themen rund um Nachhaltigkeit aus zu tauschen und mit einander ins Gespräch zu kommen. In diesem Motor für Innovation entstanden viele verschiedene Projekte und Initiativen. Im Fokus steht der Wissenstransfair zu aktuellen Themen. Aus der Wissenschaft und aus sozialen Unternehmen sprechen Experten aus ganz Deutschland.

Das Festival steckt voller energiegeladener Vorträge, Ideen, Schweiß, leckeren Suppen, vielfältigen Veranstaltungsformaten und einer wachsenden Fangemeinde. Der folgende Film will einen Einblick in diesen Kosmos geben .

 

Wir haben einen Weltbaum!

Von jedem Kontinen wurde ein Brief mit Wünschen an die Erde vorgetragen. Die Stellvertreter waren Dresdner mit Wurzeln in dem jeweiligen Kontinent. Die Erde wurde symbolisch zusammengetragen und anschließend von Kindern vermischt. Den Kindern, dem was heranwächst, der Zukunft widmete Dirk Lehmann diesen Baum. Dirk hatte diese Aktion initiiert und reagierte, mit diesem gemeinschaftsstiftendem Projekt, auf die Negativschlagzeilen, die gerade unsere Stadt beherrschen.

Was würdest du am ersten Geburtstag des Weltbaumes tun? Was wünschst du dir an diesem Ort?