10 Jahre liegen hinter mir. 10 Jahre in der Komfortzone der Städte. Volle Veranstaltungskalender jagten mich über die kurzen Wege lebendiger Straßen. 10 Jahre war ich dort auf der Suche nach Anerkennung und verirrt im Dschungel aus idealistischer Weltrettung, §19 UstG und Nebenjobs. 10 Jahre wechselte ich fortwährend Perspektiven zwischen den Häuserschluchten, getrieben durch das Gefühl, dass sich mein Leben augenblicklich auflöst in eine unlesbare Dunstwolke, wie bei einem Festplattencrash. 10 Jahre vibrierten unendlicher Möglichkeiten. Dann wurde das Haus, in dem ich wohnte vor einem Jahr verkauft und mit ihm mein Rückzugsort.

Das Leben wurde teurer. Sollte ich nun mit der Abfindung von 5000€ in die nächste Wohnung ziehen? Ich müsste bloß die allerorts steigenden Mieten in kauf nehmen und einfach wieder eine Arbeit machen, die mir nichts bedeutet. So würde ich schon das Geld verdienen um zu überleben. Doch sicher war, dass mich diese gefühlte Unterdrückung weiter in ihrem Bann halten würde. Ich würde mich weiter über das System beschweren, dagegen Petitionen unterschreiben, auf der Straße protestieren und das mit meiner gesamten Kreativität in der wenigen Freizeit, die ich neben dem Nebenjob noch zur Verfügung hätte. Oder …tja oder ich frage mich: “Wie will ich wirklich leben?”,”Was brauche ich überhaupt zum guten Leben und auf was kann ich getrost verzichten?”

Diese Frage stellte auf einmal eine Möglichkeit dar meine Freiheit neu zu erfinden. Ich nahm also das Geld, um meinem Traum näher zu kommen und wusste noch nicht, dass ich die Reise zurück zum Ursprung angetreten hatte. Als Maler vertraue ich auf meine Phantasie. So begann ich mit meiner Frau zusammen ein Bild von einem Heim zu entwerfen, welches wir selbst auch bauen könnten.

Es musste also überschaubar sein und auf jeden Fall transportabel, denn wir kannten keinen Ort so gut, dass wir uns jetzt schon an ihn binden wollten. Wir sprachen mit vielen Menschen, die eine Alternative zum Leben aus der Dose wollen und besuchten die Welten, die sie gestalten. Wir sprachen mit Handwerkern und entwickelten das Bild unseres Hauses immer weiter. Im Sommer fanden wir schließlich einen Bauplatz. Hier konnten wir eine Werkstatt nutzen. Wir hatten Strom und eine Übernachtungsmöglichkeit in kuscheliger Nähe zu unserem Projekt. Der Besitzer dieses Hofes neben dem Apfelbaumgarten, möchte keine Miete von uns haben. Was uns verbindet ist das Vertrauen, dass jeder das gibt, was er kann und so hatten wir Zeit um uns auf das Bauen zu konzentrieren.

Kaum jemand hatte uns zugetraut, dass wir in 5 Monaten einen fertigen Wohnwagen bauen können und als wir dann, kurz vor dem Winter den Ofen einsetzten, überraschte es auch mich. Diesen Raum habe ich selbst gebaut. “Der Ursprung menschlicher Zivilisation beginnt in diesem selbst geschaffenen Raum.”, denke ich während ich vor dem Feuer sitze und den Flammen zu sehe wie sie das Holz verzehren. Hier bin ich wieder im Kontakt mit meiner Umwelt. Hier draußen, höre ich wieder meinen eigenen Beat.

BumBum BumBum

Niemand wird die Gier der Gentrifizierung aufhalten, doch ich habe die Wahl aus zusteigen oder weiter mit zuspielen. Der Raubbau an der Natur und an den Menschen ist schlimm und ich weiß, dass ich Verantwortung dafür trage, schon allein weil ich diesen Laptop benutze, doch ich schreibe damit diesen Text. Die Trinkwasserklospülung ist, genau so wie andere große Dummheiten der zivilisierten Welt (“Die heilige Scheiße”), notwendig, doch hier draußen, sitze ich auf meinem Trennklo mit dem Blick auf das freie Feld und kann mich endlich richtig entspannen, bei dem Gedanken daran, wie aus meiner Kacke anstatt Sondermüll, wieder wertvolle Erde wird. Der Wind rauscht, Vögel zwitschern, übermächtige Windräder drehen sich mit geisterhafter Kontinuität.

Die Welt rückt näher an mich heran und auch die Menschen sind sich auf eine gewisse Weise näher. Hier in Wachau haben wir sicher besonderes Glück, denn es gibt Menschen, denen es am Herzen liegt das Dorfleben wieder zu erwecken. Während alle Geschäfte über die Jahre zugemacht haben, werden handgemolkene Schafmilch, die Eier aus dem Stall des Nachbarn, Tees und Salben für den Eigenbedarf der Dorfgemeinschaft hergestellt.

Ich wurde gefragt: “Was brauchst du außer Geld?” Zuerst dachte ich daran, dass ich mich nicht jetzt entscheiden will. Geld ist doch so bequem weil ich mir davon einfach alles kaufen kann. Doch dann erinnerte ich mich daran, dass unser Holzvorrat sich dem Ende neigt und der Winter noch lang ist. Ein paar Tage später riefen mich Freunde aus dem Nachbardorf an. Sie wollen ein Reeddach bauen. Ob ich nicht Lust habe im Schnee mit ihnen Schilf zu ernten. Ich fand die Idee schön draußen zu sein und so einfach bei einem Hausbau helfen zu können. Als ich meine Füße kaum noch spürte sprachen wir dann über Holz: “Bei uns liegt so viel Holz, wir wissen gar nicht wohin damit!” Am Abend brachten diese lieben Menschen uns eine Hängerladung vorbei, welche ich gleich, unter archaischem Gebrüll, mit der Axt zu Kleinholz spaltete. Am Ende dieses Tages gab es diesen Moment der Zufriedenheit, der mehr wiegt als jeder Geldhandel.

  • Tom Hüther

    wie unglaublich schön der geworden ist^^

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